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Schlaraffia – rezeptfreies Elixier und Jungbrunnen oder doch nur ein Bund froher Zecher?

vorgetragen von Junker Herbert am 29. im Eismond a.U. 129

Sind wir ein Bund froher Zecher, also eine Art Genossenschaft von Essern und Trinkern, bei der sich nach einem gewissen Grad der Alkoholisierung eine Art fröhliche Ausgelassenheit breit macht?

Ist es vor allem der Alkohol, der gemeinsame Sport oder das entsprechende Steckenpferd, das uns verbindet?

Sind unsere Unterhaltungsthemen die Familie, der berufliche Alltag, das verlorene Fußballspiel oder gar etwa die Politik oder die Religion?

Oder sind wir etwas anders?

Wer oder was sind wir? was ist Schlaraffia?

Schlaraffia ein Elixier, ein Jungbrunnen?

Ein Elixier: So wurde früher der Zaubertrank der Alchimisten genannt. Heute versteht man darunter einen alkoholischen Auszug oder eine Mixtur aus pflanzlichen Substanzen mit Zusätzen von Zucker, Extrakten, ätherischen Ölen u.s.w.

Ein Jungbrunnen: Das war ein Wunderbrunnen mit Lebenswasser, wodurch alte Menschen wieder jung, Tote lebendig oder Kranke geheilt wurden. Die Vorstellung vom Jungbrunnen als einem „Wasser des Lebens“ kam wohl aus dem vorderen Orient und lebt in vielen Märchen fort.

Als profaner Apotheker sei es mir erlaubt, die Schlaraffia als arzneiliche Spezialität, als Medikament, als Pharmakon zu untersuchen.

So gesehen ist Schlaraffia auch Tonikum, Geriaticum, Stimulans, Psychoregulans, geistiges Vitamin-, Hormon- und Mineralstoffpräparat.

Schlaraffia ist offizinell seit dem 10. Lethemond 1859 und stammt aus Prag.

Die Rezeptur ist dem Profanen Arzt und Apotheker ebenso wie in uhufinsteren Orten unbekannt. Hergestellt, gehandelt und appliziert wird dieses Medikament ausschließlich in sogenannten Burgen von schlaraffischen Reychen. Die Kosten der Monatspackung à vier Sippungen betragen 130 Reychsmark oder 40 Rosenobel und 10 Reychsmark und werden von den Gebietskrankenkassen nicht übernommen.

Wirkstoffe:

  • UHU
  • KUNST
  • Allschlaraffia
  • aha
  • HUMOR
  • Spiegel
  • OHO
  • FREUNDSCHAFT
  • CEREMONIALE

Bei der Herstellung dieser Arznei ist streng auf die entsprechende Zubereitungsvorschrift zu achten.

Gefürchtet sind dabei vor allem sogenannte profane Verunreinigun-gen. Es muß daher mit saubersten Geräten und Gefäßen gearbeitet werden.

Die Einzelbestandteile müssen schlaraffisch-chemische pro analysi-Qualität aufweisen. Diese erhält man durch gewissenhaftes Sieben, Umfällen, Filtrieren, Dekantieren, Kollieren, Sublimieren, Zentrifugieren, Chromatographieren, Destillieren und Sterilisieren.

Als Gewichtseinheit beim Einwägen der Rezeptur gelten ausschließlich die UHU-Unze und das UHU-Gran.

Das Aufnahmegefäß darf wohl lichtdurchlässig, auf keinen Fall jedoch „burgfrauendurchlässig“ sein.

Eigenschaften und Wirksamkeit:

Schlaraffia ist psychologisch zusammengesetzt. Sie enthält alle geistigen Vitamine, Hormone und Mineralstoffe und wirkt dank der Ausgewogenheit der Wirkstoffe als wirkliches Lebenselixier und als echter Jungbrunnen, aus dem man immer wieder schöpfen kann.

Indikationen und Anwendungsgebiete:

  • geistiger Vitamin-, Hormon- und Mineralstoffmangel
  • Sehnsucht nach Kunst, Humor, Freundschaft und schlaraffischem Spiel
  • Profane Verschlackung

Hinweis: Sollten die genannten Beschwerden sich nach einer Winterungskur nicht bessern, so ist dringend ein Arzt aufzusuchen.

Kontraindikationen:

  • ungeeignet für Frauen in jedem Lebensalter
  • darf nicht von Männern mit schlechtem Ruf, in unreifem Lebensalter sowie mit unsicherer Lebensstellung angewendet werden
  • Absolute Gegenanzeige auch für Männer, die kein Verständnis für die idealen Zwecke des Schlaraffentums haben.

Dosierung und Anwendungshinweise:

Die Behandlung ist kurmäßig durchzuführen, und zwar mindestens einmal pro Woche als Sippung. Am besten geeignet ist die Zeit von der Lethemond-Schlaraffiade bis zur Schlußschlaraffiade im Ostermond.

Mehrmaliges Ausreiten sowie die Teilnahme an Krystallinen erhöht den therapeutischen Effekt wesentlich. Mit sogenannten Fechsungen können besonders gute Dauererfolge erzielt werden.

Überdosierungen können vorkommen, sind aber ausgesprochen selten. Vor allem übermäßiges Ausreiten („Die Dosis macht das Gift“, sagte schon Paracelsus) kann zu unangenehmen Reaktionen seitens der Burgfrau führen.

Aufbewahrung:

Die Arznei ist vor der Profanei sorgfältigst zu schützen.

Eure Herrlichkeit, Schlaraffen, hört!

Nach dieser gründlichen pharmazeutischen Betrachtung ist es für mich als profanen Apotheker ganz eindeutig erwiesen:

Schlaraffia ist auf gar keinen Fall ein Bund fröhlicher Zecher, sondern ein echtes Lebenselixier und ein wahrer Jungbrunnen. Schlaraffia ist zwar rezeptfrei, jedoch ohne eine gewisse Hingabe kann sie ihre Wirkung nicht voll entfalten.

LULU, Schlaraffen!
Jk. Herbert
J. NA-KLAR!